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Besucherschwund bei Bochumer Bädern – Sind die Schwimmbäder noch zu retten?

Posted on 07 Februar 2013 by Dr. Volker Steude

Nach der unrühmlichen Stadtbadschließung vergraulte die bürgerunfreundliche Verkürzung der Öffnungszeiten weitere Schwimmbadbesucher, jetzt sollen die Eintrittspreise um einen Euro steigen. Um diese Steigerung zu verschleiern, wird sogar ein neues Preissystem samt teurem Kassensystem eingeführt. Und schon entbrennt zwischen den Ratsparteien ein Streit, ob die Halbjahreskarten abgeschafft werden sollen und die neuen Zeittarife sinnvoll sind.

hoentropDabei liegt das eigentliche Problem viel tiefer und ganz woanders. Die Besucherzahlen sind von 2009 bis 2012 nicht nur um 200.000 Bürger gesunken, die Bäder in Bochum haben darüber hinaus einen Sanierungsbedarf von mittlerweile mindestens 20 Mio. Euro (siehe Tabelle). 2008 bereits hatte die Verwaltung diesen vorsichtig auf über 18 Mio. geschätzt.

Doch die Sanierung des Unibades hat gezeigt, dass die städtischen Schätzungen mehr als nur ein bisschen zu niedrig angesetzt wurden. 7 Mio. Euro mussten in die Sanierung des Unibades gesteckt werden, obwohl Umkleidebereich, Duschanlagen u.a. bei der Sanierung ausgenommen waren. 2008 war der Sanierungsbedarf für das ganze Bad noch auf nur 4 Mio. Euro geschätzt worden.

baedertabelleWeiterhin wurde auch sonst in die städtischen Bäder kaum investiert, der Sanierungsstau wird sich also in den letzten 4 Jahren (2008-2012) nochmals deutlich erhöht haben. Immerhin, der seit Jahren marode 10m Sprungturm in Höntrop konnte saniert werden. Die Sanierung hier kostet allerdings sogar fast das Dreifache als geplant. Da die Stadt es versäumt hatte, die kleinen Schäden sofort nach Auftreten beseitigen zu lassen, standen am Ende statt 90.000 Euro 263.000 Euro auf der Rechnung. Zum Zeitpunkt der Sanierung war das Schadensbild schon verheerend. Bei einer zeitnahen Beseitigung der Baumängel hätte sich die Kostenexplosion vermeiden lassen, stellte das Rechnungsprüfungsamt fest.

Die eigentliche Frage, die die Politik beantworten muss, lautet: Wie soll die Stadt Bochum es jemals schaffen den aufgelaufenen übermächtigen Sanierungsstau aufzuholen und die Besucherzahlen wieder zu steigern? Mit einer Preiserhöhung von einem Euro? Wohl kaum. Während die Ratspolitiker gewohnt hilflos im Nebel kleinkarierte Kämpfe um die Ausgestaltung des Preissystems für die Bochumer Bäder ausfechten, ruiniert der Sanierungsstau weiter die Stadtfinanzen. Halbherzig wurde die Privatisierung des Bades in Höntrop betrieben. Doch für ein Bad mit mind. 7 Mio. Euro Sanierungsstau dürfte sich kaum ein privater Betreiber finden, schon gar nicht wenn die Stadt ihm die Höhe der Eintrittspreise und anderes vorschreiben will.

Das mit Abstand rentabelste und modernste Bad mit der höchsten Besucherauslastung bezogen auf das Schwimmangebot, das Stadtbad, hat die Politik geschlossen. Subventioniert die Stadt jeden Schwimmbadbesuch im Schnitt mit 7,32 Euro, hätte das Stadtbad selbst nach der Erhöhung des Zuschusses an die Betreiber die Stadt nur 2,23 Euro pro Besuch gekostet.

Alle wissen, wir werden die Bäderstruktur, so wie es sie heute noch gibt, dauerhaft nicht erhalten können. Der Sanierungsstau ist der Stadt längst über den Kopf gewachsen. Die Attraktivität der Bäder befindet sich in permanentem Sinkflug. Aufgrund der Verschlechterung der Öffnungszeiten und der mangels Investitionen immer weniger zeitgemäßen Bausubstanz der Bäder befinden sich die Besucherzahlen in einem ungebremsten Sinkflug, über 20% von 2009 bis 2012 (siehe Tabelle).

Die Investitionen in das Unibad zeigen das ganze Ausmaß des Dilemmas. Becken und Schwimmhalle kommen jetzt nigelnagelneu daher. Trotz eines Invests von 7 Mio. Euro und monatelangem freiem Eintritt für Studenten ist jedoch die Zahl der Besucher um 100.000 zurückgegangen! Die Investition ist völlig verpufft, war viel zu teuer, und brachte kein zählbares Ergebnis.

Rat und Verwaltung sind im Begriff die gesamte Schwimmbadstruktur der Stadt mit Vollgas vor die Wand zu fahren. Noch 5-10 Jahre weiter so und wir machen die Bäder nur noch an drei Tagen in der Woche auf und bei denen, die dann noch offen sind, sind die Becken aufgrund von dauerhaften Bauschäden nur noch zur Hälfte mit Wasser gefüllt.

Eine Veränderung der Schwimmbadstruktur muss endlich auf den Tisch des Rates. Die sich stellenden Fragen müssen ehrlich beantwortet werden:

1. Können wir uns 7 immer marode werdende Bäder noch leisten, oder wäre es sinnvoller die Zahl der Bäder zu reduzieren, die verbleibenden nachhaltig zu sanieren, energetisch auf Vordermann zu bringen und deren Attraktivität nachhaltig zu steigern?

2. Kann die Stadt es sich leisten jeden Schwimmbadbesuch in Bochum mit 7,32 Euro zu subventionieren, oder macht es Sinn insbesondere die Eintritte der Bedürftigen zu subventionieren und den regulären Tarif weiter an den Deckungsbeitrag heran zu führen?

Weniger, dafür aber attraktivere, energetisch sparsame Bäder werden mehr Besucher anlocken. Die Bäder können längere Öffnungszeiten anbieten. Die Kosten pro Besucher werden deutlich sinken. Die Besucher sind bereit mehr für den Schwimmbadbesuch zu bezahlen.

Es muss ein Konzept auf den Tisch, das die Bürger überzeugt. Denn jeder Stadtteil hängt an seinem Bad und keiner fährt gerne zukünftig weiter zum Schwimmen als bisher. Doch wenn die verbleibenden Bäder mit attraktiven Angeboten locken, z.B. zeitgemäß modernen Becken, Saunalandschaften, Wasserrutschen und Whirlpools ausgestattet sind, dann werden die Bürger bereit sein, Bäder aufzugeben, damit Bochum insgesamt wieder Schwimmbäder bekommt, in die die Bürger mit großer Freude gehen. Heute besuchen die Menschen die Bäder nicht mehr nur zum Bahnenziehen. Sie wollen sich dort entspannen, Freizeit verbringen. Kinder und Jugendliche wollen Spaß haben. Bäder, die gut laufen, haben dafür auch bis 23/24 Uhr auf. Wenn das Bad attraktiv ist, dann kommen auch noch um diese Zeit genug Menschen zum Schwimmen und auch diese Öffnungszeiten lohnen sich.

20 Mio. investieren müsste die Stadt ohnehin, um die bestehenden Bäder zu sanieren. Das Stadtbad könnte sie erhalten. Bei diesem Bad besteht kein Sanierungsstau, der Betreiber würde bei Erhöhung des städtischen Zuschusses den bestehen Schaden auf eigene Kosten beheben. Könnte die Stadt inkl. Stadtbad mit 4-5 Bädern auskommen, könnten die 20 Mio. in 3-4 Bäder investiert werden. Eine Hälfte würde in die Sanierung der verbleibenden Bäder fließen, die anderen 10 Mio. in deren Attraktivitätssteigerung. Dazu würde es eines ehrgeizigen Investitionsprogramms bedürfen, 2 Mio. jedes Jahr über 10 Jahre. Um dieses zu schultern, könnte man in Betracht ziehen den Stadtwerken die Betreibung der Bäder für 10 Jahre zu übertragen. Dann könnten diese die Hälfte ihrer jetzigen Sponsoringausgaben (4,5 Mio. Euro/ Jahr) statt in hohle Promi-Sausen wirklich nachhaltig zum Wohle der Bürger investieren. Darüber hinaus könnten die Stadtwerke als Energieversorger beim Betrieb der energieintensiven Bäder sicher einige Synergieeffekte nutzbar machen.

Im Ergebnis werden immer mehr Bochumer die modernisierten städtischen Schwimmbäder besuchen. Die Stadt wird attraktiver durch moderne Bäder. Der städtische Zuschussbedarf für die Bäder wird massiv sinken und der Betrieb der Bäder wieder zukunftsfähig. Dann können ggf. auch private Investoren für Bäder gewonnen werden, bei maroden Bädern wie in Höntrop gelingt das offenbar nicht.

Klar, wäre es schöner alle Bäder zu erhalten und zu modernisieren. Doch eine Stadt die finanziell ruiniert wurde, kann sich leider nicht mehr 7 attraktive Bäder leisten. Der Stadt bleibt nichts übrig als der bitteren Wahrheit in die Augen schauen. Der Teufelskreis muss durchbrochen werden, der Verfall der Bäder muss aufgehalten werden, sonst werden die Besucherzahlen weiter sinken, die Zuschüsse für die Bäder weiter steigen und der Sanierungsstau weiter wachsen.

Da die Situation sich Monat für Monat verschärft, muss die Politik endlich handeln. Ein Bäderkonzept muss her. Das Ziel: In 10 Jahren muss Bochum eine zukunftsfähige Bäderstruktur haben, attraktive Bäder ohne Sanierungsstau bei steigenden Besucherzahlen. 2 Mio., die die Stadt in den nächsten 10 Jahren jedes Jahr investiert, ersparen der Stadt und den Bürgern so jährliche Kosten in Millionenhöhe in den folgenden 20 Jahren.

Die letztlich entscheidende Fragen sollte die Politik den Bürgern überlassen, welche Bäder sollen attraktiver gemacht, welche geschlossen werden oder soll alles beim Alten bleiben. Dazu könnte die Politik den Bürgern in einem Bürgerentscheid etwa 3 Zukunftskonzepte für die Entwicklung der Bochumer Bäder zur Wahl stellen.

Endlich muss die Politik sich ernsthaft um die Lösung der eigentlichen Probleme kümmern, die bei den Schwimmbädern anliegen. Die populistische Debatte über das neue Entgeltsystem sollte sie uns dagegen ersparen.

Bildnachweis: Hallenfreibad Höntrop, Stadt Bochum

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