Categorized | Satire

Kulturhauptstadt – nachgeschlagen!

Posted on 25 Februar 2013 by Dr. Volker Steude

Zwischen Realität und Versprechungen liegen in Bochum bisweilen Welten. Daher hier ein Beitrag aus dem Jahr 2010, der schon zum Kulturhauptstadtjahr die geplanten Projekte kritisch betrachtet. Heute, 3 Jahre später, haben sich die Vorhersagen des Textes leider bewahrheitet und sind so aktuell wie Anfang 2010.

ruhr2010Es gibt etwas, dass ich nicht verstehe: Selbst nachdem ich vor über einem halben Jahr mit meinem Text „Wir werden Kulturhauptstadt!“ so offensiv für dieses Jahrhundertereignis geworben habe und die Kommunen uns mit Hochglanzprospekten überschwemmen, erstreckt sich die Begeisterung in

Sachen Kulturhauptstadt Ruhr bislang auf die üblichen Proporzfürsten aus Politik, Medien und Industrie.

Das gemeine Volk ist anscheinend mit Dingen wie Massenarbeitslosigkeit, der Zukunft von Opel, Hartz IV-Regelsätzen und ähnlichem Gedöns beschäftigt.

Warum interessiert den durchschnittlichen ARGE-Kunden der aktuelle Tabellenplatz von Borussia, Schalke oder dem VfL mehr als die historische, zukunftsträchtige Chance, die sich hier uns allen, der ganzen Region eröffnet.

Das Ruhrgebiet wird mit seiner ganzen, kulturellen Kraft über den Rest der Welt hereinbrechen, sodass es nur noch Staunen und offene Münder geben wird!

Es wird sich durch seine Präsenz und seine bist ins Letzte ausgefeilten Konzepte auch in Sachen Stadtplanung und öffentlichen Personennahverkehr überall auf der Welt Freunde und Nachahmer schaffen.

Und wenn diese Adepten dann zurück in ihre Heimatregionen strömen, dann wird man nur noch Aussagen hören wie: „Aber ich bitte, Sie, mein Bester, der „Alexanderplatz“ ist doch megaout, aber waren Sie mal in Dortmund am  „Borsigplatz“? Da tobt wirklich das Leben!“ „The Champs-Elysees in Paris are quite okay, but you should see the Alleestraße in Bochum!“ „Yes I`ve been to Rome, but have you ever visited Herne?“ Unsere geliebte Heimatstadt Bochum hat sich an diesem ganzen Konzept mit einer sehr eigenwilligen, vielleicht etwas kryptisch anmutenden, aber letztendlich sehr anmutigen und zugleich revolutionären Idee beteiligt: Der städtische „Think Tank“ Scholz/ Townsend/ Kratzsch erdachte für Bochum die „virtuelle und soziale Kulturhauptstadt“!

„Mut zur Lücke“ ist die phantasievolle Botschaft, die Bochum an die Welt sendet.

Das Konzerthaus, der Kammermusiksaal in der Marienkirche, die gesamte Neugestaltung des geplanten Viktoriaquartiers, dies alles werden die Besucherinnen und Besucher der Kulturhauptstadt Bochum nicht zu sehen bekommen, weil es noch nicht gebaut ist! Hier wird gewollt provokativ an alle Besucher appelliert: „Stell es Dir vor! Sei interaktiv mit der jetzt noch vorhandenen Leere und schaff es Dir selbst, so schön, wie Du es hier projizierst, können wie es eh nicht bauen!“

Aber neben der virtuellen, gibt es auch noch die soziale Komponente des Bochumer Konzeptes, zuerst und pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr wird im Viktoriaquartier der einzige Neubau, ein „Lidl“ fertig gestellt. Warum? Weil die Verantwortlichen zuerst einmal an das leibliche Wohl der Arbeiter gedacht haben, die nur darauf warten, gut gestärkt durch Billigcola und Chips, die städtischen Visionen Stein und Mörtel werden zu lassen.

Ein anderer Teil des Prinzips der sozialen Kulturhauptstadt ist die Einbindung der schwer Vermittelbaren. Hierfür steht vor allem „Der Platz des Europäischen Gebrechens“. Schwer vermittelbar daran, auch gegenüber der Öffentlichkeit, ist zunächst einmal die Aussage, weil es, und hier streifen wir erneut den Bereich des Virtuellen; schlichtweg keine gibt. Dieses schwer vermittelbare Projekt ist eine fürstlich bezahlte ABM-Maßnahme für den ansonsten schwer vermittelbaren Künstler Jochen Gerz, wo also die soziale Komponente des Konzeptes erneut greift.

Sollte nun „Der Platz des Europäischen Gebrechens“ nicht fertig gestellt werden, wofür einiges spricht, kann wiederum die virtuelle Konzeption „So schön, wie Du es Dir vorstellst, können wir es eh nicht bauen“ zu Rate gezogen werden. Einfach genial! Schöne Kulturhauptstadt noch!

Christoph Nitsch, Anfang 2010

Bildnachweis: Rainer Halama, Wikipedia

Leave a Reply

Advertise Here

Photos from our Flickr stream

See all photos

Advertise Here

Facebook

BÄH-Bürger bei Facebook ........................................