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Viktoriastraße in neuem Glanz?

Posted on 13 Juli 2013 by Dr. Volker Steude

Jetzt wo das „Musikzentrum“ kommen soll, will die Stadtverwaltung auch die Viktoriastraße in neuem Glanz erstrahlen lassen. Obwohl es andere Straßen in Bochum wohl deutlich nötiger haben, will man die Straße zwischen Schauspielhaus und Südring gänzlich neu bauen. Was u.a. zur Folge hat, dass nach dem Platanenmassaker für das „Musikzentrum“ weitere 29 Bäume beseitigt werden sollen.

viktoriastraßeHinzu kommt, die von der Stadt bisher vorgelegten Planungen sind leider ernüchternd. Sie können die besonderen Anforderungen, die die Viktoriastraße an die Planungen stellt, nicht ansatzweise erfüllen. Optisch ist das Ergebnis der Planungen nicht mehr als uninspirierte Dutzendware.

2008 noch wollte man den Straßenabschnitt für das Kulturhauptstadtjahr besonders gestalten (Ergebnisse Workshop). Damals sollten die Bäume angestrichen und das ganze Ensembel besonders beleuchtet werden. Jetzt sollen die Bäume weg und einer 08/15-Gestaltung weichen, wie man sie in Frankfurt-Süd, Bitterfeld, Bielefeld und hundert weiteren Städten schon in den 90ern gebaut hat.

Wenn die Straße eine neue Gestaltung erhalten soll, dann sollte man sich bewusst sein, dass dieses Einfallstor in die Stadt ein sensibler Bereich ist. „Hauptverkehrsstraßen sind Standorte mit zentraler Wohn- und Arbeitsfunktion. Darüber hinaus übernehmen sie in der Regel eine Versorgungsfunktion zumindest für die angrenzenden Quartiere, oft aber auch darüber hinaus als Stadtteilzentrum. Bedingt durch ihre zentrale Lage verfügen sie über eine hohe Durchgangs- und in Teilen auch Aufenthaltsfunktion. Unabhängig von der Qualität ihres Erscheinungsbildes sind sie Visitenkarten der angrenzenden Quartiere und übernehmen damit eine wichtige Identifikations- und Orientierungsfunktion“ (Bundesverkehrsministerium: Innerstädtische Hauptverkehrsstraßen – Visitenkarte und Problemzone für die Wohnungsmarktentwicklung).

Oder einfach ausgedrückt: Wird eine Hauptverkehrsstraße schlecht geplant, dann entstehen entlang der Straße und in den angrenzenden Wohnvierteln verwahrloste Straßenzüge, die gewöhnlich von sehr armen Menschen, oft städtischen Zuwanderern bewohnt werden, die die einzigen sind, die sich aus Geldmangel derartige Wohnverhältnisse zumuten müssen. In Bochum sind solche Verhältnisse leider entlang einiger Hauptverkehrsstraßen zu beobachten, siehe z.B. Wattenscheider Str., unsanierter Teil der Herner Str. u.a.m..

Anforderungen

Doch gehen wir die Anforderungen, die die Viktoriastraße in dem neu zu gestaltenden Bereich stellt, im Einzelnen durch:

Die Straße ist eine der Visitenkarten der Innenstadt, Wer zum ersten Mal Bochum über diese Straße erreicht, um z.B in das Nachtleben einzutauchen, macht sich anhand dieser Straße ein erstes Bild von der Stadt. Eine 4-spurige Straße mit Radstreifen z.B. macht den Eindruck als wäre die Stadt nur an Durchreisenden interessiert, die schnell kommen und schnell wieder fahren sollen.

Eine Straße mit breiter Flaniermeile an der Seite hingegen, flankiert von hohen Bäumen, die belebt wird von vielen Radfahrern und Fußgängern macht den Eindruck einer belebten Stadt mit hoher Aufenthaltsqualität, in der die Menschen gerne wohnen, arbeiten und das Leben genießen. Letzteres hat automatisch eine deutliche Wertsteigerung der unmittelbar an der Straße und in den angrenzenden Vierten liegenden Immobilien zur Folge. Menschen werden angereizt hier in unmittelbarer Innenstadtnähe zu wohnen, eine Gastronomie oder ihr Büro zu betreiben. Heute hingegen stehen leider viele Wohnungen und Büroflächen entlang der Straße leer.

Laut Angaben der Stadt muss die Straße eine Kfz-Belastung Belastung von 17.000 – 22.000 in 24h also umgerechnet 964 -1.247 pro h bewältigen (Berechnungsgrundlage).

Im Bereich des Bermuda3ecks, sollte eine besonders hohe Aufenthaltsqualität für Fußgänger bestehen, die die hier ansässige Gastronomie ansteuern. Die Möglichkeit hier großzügiger Freisitze einzurichten würde die Straße weiter beleben. Ziel muss also die Schaffung von Platz für eine besonders breite Flaniermeile sein (Beispiel: Passeig de Joan de Borbó, Barcelona).

Weiterhin ist es wichtig, dass Fußgänger die Straße schnell, ohne lange Wartezeiten queren können.

Entlang der Straße muss es vom Auto- und Fußgängerverkehr klar getrennte Radstreifen geben, die jeden Konflikt zwischen Zweiradfahrern mit Autofahrern und Fußgängern verweiden helfen. Eine sichere Querung der Straße muss auch für Radler möglich sein. Ebenso wie es Rad-Verkehrsbeziehungen zwischen allen Straßen geben muss, die auf die Viktoriastraße einbiegen. Die vorliegenden Planungen der Verwaltung sind in dieser Beziehung unzureichend, was der ADFC-Bochum zu Recht kritisiert hat (Stellungnahme ADFC).

Bei der Umgestaltung ist weiterhin zu berücksichtigen, dass der Straßenabschnitt von mehreren wichtigen Buslinien befahren wird und es am Schauspielhaus einen wichtigen Umsteigepunkt zur Straßenbahnlinie 308/318 und weiteren Buslinien gibt. Die jetzige Haltestelle nördlich der Oskar-Hoffmannstraße bedeutet weite Umsteigewege und Straßenquerungen beim Umsteigen. Anzustreben wäre daher eine Verlegung direkt auf den Platz vor dem Schauspielhaus.

Ein Taxistand muss aufgrund der starken Nachfrage durch das Bermuda3eck an attraktiver Stelle eingerichtet werden.

Parkraum besteht im Bereich des Bermuda3ecks aufgrund der Parkhäuser in direkter Nähe und dem Lidl-Parkplatz in ausreichendem Maße zur Verfügung, so dass Parkstreifen nur dort vorgesehen werden müssen, wo dafür Platz bereit steht, der für die bereits dargestellten Nutzungen nicht benötigt wird. Auch sollte vermieden werden, durch das Angebot von zu vielen Parkplätzen entlang der Straße einen übermäßigen Parksuchverkehr zu erzeugen.

Um die Wohnqualität in den angrenzenden Stadtvierteln zu steigern, muss der Verkehrslärm, der durch die Straße erzeugt wird, sinken. Zu überlegen ist, ob einzelne Einmündungsstraßen verkehrsberuhigt werden, indem sie für den Autoverkehr von der Viktoriastraße abgebunden werden.

Anhand dieser Anforderungen kann nun gemäß der Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt 06), ermittelt werden, wie der Querschnitt der Straße zukünftig aussehen sollte. Das Ergebnis, die Richtlinie empfiehlt eine 2-spurige Verkehrsführung, mit Radstreifen, breiten Bürgersteigen und reichem Baumbestand. Überraschender Weise entsprechen die Planungen der Stadt den Vorgaben der Richtlinie nicht.

Daher wird hier ein alternativer Planungsvorschlag vorgestellt, der die gestellten Anforderungen insbesondere hinsichtlich der geforderten hohen Aufenthaltsqualität erfüllen kann.



Das Fazit der Planungen, Priorität bei den Planungen muss eine hohe Aufenthaltsqualität haben. Diese ist insbesondere abhängig von der Zahl der Fahrspuren, die dem Autoverkehr zur Verfügung stehen. 4 Fahrspuren bedeuten, mehr Lärm, schlechte Querungsmöglichkeiten für Fußgänger und Radfahrer, Bürgersteige, auf denen sich Radfahrer und Fußgänger ins Gehege kommen, Verzicht auf eine großzügige Flaniermeile im Bereich Bermuda3eck sowie auf einen großzügigen Baumbestand, so dass insgesamt eine Straße mit 4 Fahrspuren auch optisch als Visitenkarte der Stadt nicht wirklich taugt.

Wenn also die Verkehrsbelastung eine 2-spurige Straße zulässt, dann ist diese einer 4-spurigen Verkehrsführung eindeutig vorzuziehen. Die einschlägigen Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt 06) empfehlen eine 2-spurige Verkehrsführung. Wieso die Verwaltung eine solche nicht vorschlägt, ist nicht nachvollziehbar.

Städtische Alternativplanungen – Fehlanzeige

Will man für die Straße das bestmögliche Planungsergebnis realisieren, dann müsste die Verwaltung selbst mehrere alternative Planungen entwickeln und vorlegen, die dann von der Politik kontrovers diskutiert werden, bis man sich für eine Alternative entscheidet oder einen Kompromissvorschlag aus mehren Planungen entwickelt.

Die politische Kultur in Bochum sieht ein solches Vorgehen jedoch leider nicht vor, was man wiederum der Stadt ansieht. Die Politik ist es gewöhnt, dass die Verwaltung ihr nur einen einzigen Vorschlag vorlegt, den diese dann abnickt. Alternativplanungen, Diskussionen, Fehlanzeige.

Auch fordert die Politik von sich aus keine Alternativplanungen ein. So wurde der jetzt von der Verwaltung vorgelegte Vorschlag von der Politik mit einem nichtssagenden Beschluss (Änderungsantrag) quittiert, der lediglich vorschlägt, dass die Verwaltung ggf. noch mal bestimmte Punkte prüft.

Zumindest wäre zu erwarten gewesen, dass die Grünen von der Verwaltung, die Vorlage und Prüfung einer 2-spurigen Planung einfordern. Für eine Partei, die von sich beansprucht, sich für eine ökologische und nachhaltige Verkehrspolitik einzusetzen, eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch auf diesem Politikfeld sind die Grünen in Bochum noch nie wirklich auffällig geworden, am Ende haben sie die Verkehrs- und Prestigeprojekte der SPD(-Verwaltung) immer bereitwillig abgenickt.

Leider zeigt auch dieses Projekt, dass die Politik in Sachen Stadtentwicklung völlig uninspiriert agiert. Noch ist es allerdings Zeit, es diesmal anders zu machen. Alternativplanungen müssen auf den Tisch, die Betroffenen und Bürger an den Planungen beteiligt werden, damit man am Ende zu einem Ergebnis kommt, das den Bedürfnissen der Stadt möglichst gut gerecht wird.

Abstimmung zur Viktoriastraße: Wie soll die Viktoriastraße umgebaut werden?

Bildnachweis:  Stadt Bochum, Workshop zur Gestaltung der Viktoriastraße 2008

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