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Gut gemeint ist nicht gut gemacht – Der Sponsoringwettbewerb der Stadtwerke

Posted on 01 Oktober 2013 by Dr. Volker Steude

Um 11:36 Uhr, 24 Minuten ehe der Sponsoringwettbewerb der Stadtwerke (Dafür schlägt mein Herz!) eigentlich enden sollte, bricht der Server für den Online-Wettbewerb endgültig zusammen. Bürger, die noch auf den letzten Drücker ihre Herzen vergeben wollten, wurden damit vom Wettbewerb ausgeschlossen, die betroffenen Projekte entsprechend benachteiligt. voting

Erstaunlich, dass die Stadtwerke, nachdem gleiches ja bereits der Sparkasse passiert ist, nicht in der Lage waren ausreichende Serverkapazitäten für ihren Wettbewerb zur Verfügung zu stellen. Vor dem Serverabsturz spielten sich wahre „Votingbattle“ ab.

Nach Wochen der Ruhe wurden innerhalb weniger Stunden tausende von Herzen abgegeben. Die Gewinner des Wettbewerbes verdoppelten teilweise in 24 Stunden ihre Abstimmungsergebnisse. Dass mitten in der Nacht innerhalb von wenigen Stunden hunderte Bürger für ein Projekt abgestimmt haben sollen, auch das erscheint unrealistisch. Ebenso wenig glaubhaft ist, dass gerade in den letzten Stunden vor Ende des Wettbewerbs für ein und dasselbe Projekt alle zwei Minuten ein Bürger abgestimmt hat. Dies ist nur plausibel, wenn die Aktivisten der Projekte am Ende diejenigen eingegeben haben, die zuvor auf Unterschriftenlisten für ihr Projekt gestimmt haben. Dass sich die Abstimmungen durch solche Unterschriften belegen lassen, ist allerdings nur vom Spieldrachenprojekt der BÄH-Initiative bekannt. Für die Stimmabgabe reichte es aus nur eine unpersonalisierte Mailadresse einzugeben. Weder die Eingabe eines Vor- oder Nachnamens war erforderlich. Die Stadtwerke konnten so nicht überprüfen, ob hinter den eingegebenen Mailadressen tatsächlich reale in Bochum wohnhafte Personen stehen, und ob diese tatsächliche ihre Herzen für das Projekt vergeben wollten.

Nach Angaben der Stadtwerke konnten jedoch keine Auffälligkeiten bei der Stimmabgabe festgestellt werden. Diese Aussage steht im klaren Widerspruch zu der bereits geschilderten Realität gegen Ende des Votings, bevor der Server zusammen brach. Erstaunlicher Weise wurde die besagte Einschätzung der Stadtwerke auch bereits eine Stunde nach Ende des Votings verbreitet. Für eine wirkliche Prüfung fehlte also die Zeit. Auf Nachfrage musste der Stadtwerkesprecher weiterhin zugeben, dass eine systematische Überprüfung, ob die Stimmabgaben nur über bestimmte Server-IPs erfolgte, nicht vorgenommen wurde und dass auch keine Ergebnisse dahin gehend überprüft wurden, ob dahinter reale in Bochum wohnhafte Bürger stehen.

Aus Unternehmenssicht ist diese Handlungsweise verständlich, hätte man genauer hingeschaut, sofern es das Abstimmungssystem überhaupt zuließ, hätte man vermutlich etliche der Gewinner aus dem Wettbewerb nehmen müssen. Damit aber wäre der ganze Wettbewerb zu einer blamablen Farce geworden. Auch verständlich, dass Teilnehmer, als sie fest stellten mussten, dass Konkurrenten offensichtlich die Stimmabgabe mit gefakten Mailadressen zu ihren Gunsten zu beeinflussen versuchen, selbst zum gleichen Mittel griffen.

Unverständlich, dass die Stadtwerke an ihrem Online-Voting-System fest hielten, trotzdem sie die schlechten Erfahrungen der Sparkasse mit offensichtlichen Manipulationen kannten. Die deutliche Kritik an der Sparkassenabstimmung verhallte bei den Stadtwerken offensichtlich ungehört, die erforderlichen Konsequenzen wurden leider nicht gezogen.

Am Ende muss man der Kritik der freien Kunstszene an den Online-Abstimmung von Sparkasse und Stadtwerken recht geben: „Selbst bei strengeren Maßnahmen bleibt eine offene Tür für Manipulation, durch die besonders die jüngere Klientel vergnüglich spaziert und die Abstimmungszahlen für ihre Projekte in schwindelnde Höhen schraubt.“ Genau das ist wieder passiert.

Eigentlich ist aber die Idee, die Bürger über die Sponsoringprojekte abstimmen zu lassen, eine gute. Es macht Sinn, dass die Projekte, die bei den Bürgern die größte Zustimmung erhalten, also nach Ansicht vieler Bürger einen Nutzen für sie und die Stadt haben, mit dem Geld der Stadtwerke unterstützt werden. Jedoch darf das Ergebnis der Abstimmung auch nicht im Wesentlichen von der Größe des Netzwerkes derjenigen abhängen, die das Projekt entwickelt haben, sonst werden nur noch große Vereine mit vielen Anhängern und Mitgliedern die Gelder gewinnen und nie die kleinen Initiativen und Künstler, die den meisten Bürgern (noch) unbekannt sind. Die Mobilisierungschancen müssen für alle annähernd gleich sein.

Diese genannten Anforderungen wird ein Online-Voting nicht erfüllen können. Manipulationen können nur durch Offline-Abstimmungen in Grenzen halten, konkret mit vorgegebenen Unterschriftenlisten für Unterstützer, auf der sich jeder Unterstützer mit Adresse und Unterschrift eintragen muss. So kann nachgeprüft werden, wer hat unterschrieben und ist auch Bochumer Bürger. Auch haben dann diejenigen, die die Projekte beim Wettbewerb angemeldet haben, die Chance sich in die Innenstadt oder sonst irgendwo in die Stadt zu stellen, um bei jedem Bürger für Unterstützerunterschriften zu werben. Der Vorteil eines eigenen Netzwerkes wird so relativiert.

Die Forderung der freien Kunstszene, dass die Stadtwerke Projekte auch ohne entsprechendes Bürgervoting fordern sollen, ist nachvollziehbar, führt aber dazu, dass wiederum einige wenige darüber entscheiden, was künstlerisch förderungswürdig ist und was nicht. Einem solchen Vorgehen ist die Bürgerabstimmung jedoch vorzuziehen. Damit auch entsprechende Kulturprojekte bei der Förderung zum Zug kommen, kann man die Kategorien anders wählen, z.B. indem man eine eigene Kategorie für die freie Kunstszene bildet, in der für ein festes Sponsoringbudget Kunstprojekte gegeneinander konkurrieren.

Allerdings müssen auch die freien Kunstträger erkennen, dass man attraktive Projekte anbieten muss. Da sollte man sein Projekt mindestens mit einem Foto bewerben. Auch ist absehbar, dass das Sponsoring eines Events, an dem nur eine begrenzte Anzahl von Bürgern teilhaben können, bei derartigen Abstimmungen eher nicht gewinnen wird.

Ganz grundsätzlich wäre auch zu diskutieren, ob ein solcher Wettbewerb für Projekte geöffnet sein sollte, die Mittel für Instandhaltungsmaßnahmen oder laufende Betriebsausgaben akquirieren wollen, oder nur für Projekte, mit denen man etwas einmaliges, neues schaffen will. Diskussionswürdig ist auch, ob Projekte gefördert werden sollen, von denen letztlich nur eine sehr begrenzte Anzahl von Bürgern einen Nutzen hat, z.B. nur Vereinsmitglieder.

Zudem sollten die Wettbewerbe nicht von Stadtwerken und Sparkasse selbst durchgeführt werden, sondern von der Stadt selbst bzw. einer von dieser beauftragten unabhängigen Agentur. Diese verfolgt keine eigenen unternehmerischen Interessen. So ist sicher gestellt, dass, wenn Manipulationen ruchbar werden, auch eingegriffen wird, ohne dass dabei auf das eigene Unternehmensimage Rücksicht genommen werden muss. Die Stadt ist Eigentümer der städtischen Betriebe, sie sollte daher auch über die Verteilung der Gelder bestimmen und diese organisieren.

Auch wäre es wünschenswert, wenn die Stadtwerke zukünftig allen Vorhaben bei einer gemeinsamen Veranstaltung die Möglichkeit geben sich gemeinsam z.B. in der Innenstadt zu präsentieren, z.B. bei einem „Markt der Projekte“.

Im Ergebnis wird klar, der jetzige Wettbewerb war nur ein Anfang. Die Idee, die Bürger entscheiden zu lassen, war trotz allem richtig. Erfolgreich und von den Bürgern akzeptiert wird ein solcher Wettbewerb zukünftig allerdings nur, wenn die Regeln deutlich verbessert werden. Nur wenn Manipulationen weitgehend ausgeschlossen werden können, ist die Bürgerbeteiligung glaubwürdig.

Spannend ist, ob die Sparkasse bei der 3. Ausgabe ihres Wettbewerbes aus den Vorkommnissen und Erfahrungen lernen wird. Wenn der Wettbewerb erneut nach Regeln abläuft, die jeder Manipulation Tür und Tor öffnen, dann ließe das nur den Schluss zu, dass die Bürgerbeteiligung für die Sparkasse nur ein Marketing-Gag ist, aber in Wahrheit kein wirkliches Anliegen.

Bildnachweis: Ausschnitt, Logo des Stadtwerkewettbewerbs

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