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Schule hat in Bochum keine Lobby

Posted on 12 Oktober 2013 by Dr. Volker Steude

Der BoGeStra fehlen die Bewerber für die Ausbildungsplätze. Im Bereich Informatik gibt es bisher ganze drei Bewerbungen. Die Bewerbungsfrist für die Schulabgänger 2014 wurde schon um einen Monat verlängert (WAZ vom 07.10.13). feldsieperDoch das Problem besteht nicht nur bei der BoGeStra. In Bochum standen im August 529 Lehrstellen suchenden Schülern, 411 noch unbesetzte Ausbildungsstellen gegenüber. Bei vielen jedoch reichen die schulischen und persönlichen Fähigkeiten nicht aus, um eine Lehrstelle zu bekommen. Viele Unternehmen in Bochum und Wattenscheid bieten gar keine Ausbildungsstellen mehr für Schüler mit Hauptschulabschluss an. Der Schulabschluss reicht nicht, um die Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen. Hinzu kommt, die Zahl der Jobs für Geringqualifizierte sinkt stetig. Die Anforderungen an die Schulabgänger werden höher, da die meisten Jobs eine immer höhere Qualifizierung erfordern. Gleichzeitig gehen immer noch Schüler ohne oder mit zu geringem Schulabschluss ab. Doch klar ist, ohne Berufsabschluss ist die Wahrscheinlichkeit arbeitslos zu werden erschreckend hoch und wird immer höher. Im Jahr 2011 hatten 45 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland keinen Berufsabschluss, während der entsprechende Anteil an den Erwerbstätigen lediglich bei 14 Prozent lag. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Arbeitsplätze für Geringqualifizierte stetig. 2030 rechnet man nur noch mit einem Anteil von 8%. Die Zahl der Arbeitslosen ohne Bildungsabschluss wird also weiter steigen (IAB-Bericht 4/2013). Zum Vergleich, bei den Hochschulabsolventen herrscht quasi Vollbeschäftigung (Arbeitslosenquote 2011: 2,4%). Eine Binsenweisheit: Der Bildungsabschluss schützt vor Arbeitslosigkeit. Der aktuelle Zustand ist für Städte wie Bochum teuer. Ein Viertel der Ausgaben der Stadt werden für soziale Transferleistungen (allein 157 Mio. Euro Sozialhilfe pro Jahr). bereitgestellt. Und die Ausgaben steigen um 10 Mio. Euro jedes Jahr. Der größte Teil der Transferleistungen fließt an Menschen, die aufgrund ihres ungenügenden Bildungsabschlusses keine Arbeit finden oder nur eine Arbeit, mit der sie kein ausreichendes Einkommen erzielen können. Laut Sozialbericht 2012 der Stadt konnten in Bochum 2009/ 2010 23,2 % der männlichen und 17,3% der weiblichen Schüler nur Hauptschul- oder gar keinen Schulabschluss erreichen. Ein wesentlicher Teil dieser Menschen wird keine Arbeit oder nur sehr schlecht bezahlte Arbeit finden. Das Ziel ist also klar. Wie in Skandinavien muss das Ziel lauten, dass kein Schüler mehr die Schule ohne mindestens Realschulabschluss verlässt. Doch was in Schweden und Finnland Realität ist, funktioniert in Bochum nicht. Was tut die Stadt und die Politik, um das Ziel zu erreichen? Antwort: So gut wie nichts. Ganz im Gegenteil. Der Schuletat ist zum Sparhaushalt geworden. Mit dem Konsolidierungskonzept wurde beschlossen den Schulhaushalt bis zum Jahr 2022 um fast 7 Mio., also um 10% zu kürzen. Schule hat in Bochum keine Lobby. Die Folge, die Bochumer Schüler werden weiterhin in vielfach herunter gekommen und schlecht ausgestatteten Schulen mit regelmäßig 30 und mehr Schülern pro Klasse bei jahrgangsbezogenem Frontalunterricht mit Wissen abgefüllt. Entsprechend sind nicht nur in Bochum die gerade neu veröffentlichten PISA-Ergebnisse mal wieder verheerend. Der Vorsitzende des Philologenverbandes beschreibt die Ergebnisse mit unterirdisch und katastrophal. In Bochum jedoch pämpern Politik und Kulturdezernent lieber die Kreativwirtschaft, als sich um die Zustände in den Schulen zu kümmern. Dass Kulturdezernent Townsend (SPD) auch gleichzeitig Schuldezernent ist, bemerken die wenigsten. Dabei könnte man auch als Stadt viel tun. Nicht an der Ausbildung der Lehrer und Pädagogen, aber an der Größe der Klassen, dem baulichen Zustand der Schulen und deren Ausstattung. Auch moderne Schulprogramme an den Schulen könnte man einfordern und mehr städtisches Bildungspersonal in den Schulen beschäftigen. Die Grundschulen sind der Schlüssel zum Erfolg. Hier wird der Grundstein für die gesamte Schullaufbahn gelegt. Was hier versäumt wird, lässt sich später kaum mehr ausgleichen und wenn nur mit Millioneneinsatz, z.B. für Maßnahmen, um Jugendliche zu bewegen ihren Schulabschluss nachzuholen. Eigentlich jeder Schüler muss am Ende der Grundschule mindestens die Qualifikation besitzen, auf die Realschule zu wechseln. Das geht in Skandinavien, also auch bei uns. Denn unsere Schüler sind nicht dümmer als die in Schweden oder Finnland. 22-23 Schüler in Grundschulen fordert das Schulministerium in NRW. In Bochum sitzen in mindestens 40% der Grundschulklassen 28-30 Kinder, da es an ausreichend Klassenräumen, Schulen und Schulgebäuden fehlt. Besondere Förderung in jahrgangsübergreifenden Klassen, das ist das Ziel des Schulministeriums, bei uns wird in fast allen Grundschulen immer noch jahrgangsbezogen unterrichtet. Wie soll Integration und Inklusion in Klassen mit 30 Kindern gelingen, in denen die einen noch Mühe mit dem Lesen der deutschen Sprache haben, während die anderen bereits die ersten kleinen selbst erfundenen Geschichten niederschreiben? Dazu sollen die Lehrer in den Grundschulen noch mangelnde Erziehungen im Elternhaus ausgleichen. Wie soll das bei diesen Verhältnissen gehen? Doch wenn die Schüler nicht in den ersten Klassen lernen, wie man sich in eine Klassengemeinschaft einfügt, wie ein geregelter Tagesablauf funktioniert, dann wird das regelmäßig auch in den folgenden Schuljahren nichts. Die Kinder werden zum dauerhaften Störpotential in den Klassen, nicht nur zu ihrem eigenen Schaden, sondern auch zum Nachteil aller anderen, die unter ihrem Benehmen fortlaufenden leiden. Bei 15 Kindern in den Klassen, jahrgangsübergreifendem Unterricht in hervorragend ausgestatten Schulen in bestem baulichen Zustand, die mit zusätzlichem pädagogischem Personal, auch städtischen Sozialarbeitern und Erziehern ausgestattet werden, ließe sich das Ziel leicht erreichen. Und das Beste, nach ca. 15 Jahren wird der Anteil an Schülern, die auf einen geringqualifizierten Arbeitsplatz angewiesen sind, massiv zurückgehen. Die Zahl der Arbeitslosen und Transferleistungsempfänger wird in gleicher Weise sinken. Die Ausgaben für Transferleistungen werden kontinuierlich abschmelzen. Wenn sich also eine Investition lohnt, dann die in die Schulen. Nur nebenbei, diese Investition wäre eine Investition in die Menschen, in Kinder und Jugendliche, in die Bildungsgerechtigkeit, in die Chancengleichheit. Sie ermöglicht vielen Menschen ein selbst bestimmtes Leben zu führen ohne auf staatliche Hilfen angewiesen zu sein. Allein das sollte es uns wert sein, diesen Weg zu gehen.

1 Comments For This Post

  1. Crevis Says:

    …um so verstörender ist die Bochumer Strategie, Kosten zu sparen und damit Grundschulen zu schließen. Mit den Stimmen der SPD und der Grünen (Frau Dr. Scholz hat damit Frau Löhrmann „kurze Beine – kurze Wege“ einen Bärendienst erwiesen.) hat der Rat der Stadt unlängst einigen Grundschulen den Todesstoß versetzt. Damit ist klar, wie sich in Bochum die Klassengrößen und somit die Bildungsqualiät weiter entwickeln wird. Ich finde es höchst bedauerlich, dass die Hoheit der Schulentwicklungsplanung auf kommunaler Ebene liegt. Vielleicht haben die Kinder dann aber gar keinen intellektuellen Zugang mehr zum Musikzentrum…

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