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Das endlose Drama um den Erhalt des Förderturms der Zeche Holland

Posted on 09 November 2013 by Dr. Volker Steude

Er ist das Wahrzeichen von Wattenscheid, auch wenn er erst 1962 aus Essen kam. Die Silhouette von Wattenscheid ohne den Förderturm der Zeche Holland, für fast alle Wattenscheider undenkbar.

foerderturmBei einem Symbol, das für die Identität der Menschen so wichtig ist, sollte man denken, dass die Wattenscheider und die Stadt Bochum alles daran setzen dieses zu erhalten.

Die Geschichte der halbherzigen Versuche der Stadt, den Turm zu erhalten, zeigt aber das volle Ausmaß des Desinteresses, das die Stadt Bochum an den Belangen von Wattenscheid hegt.

Die Umwandlung des alten Zechengeländes in ein Gewerbegebiet ist bis heute eine endlose Geschichte. 2008 stellt die UWG fest, das Gelände der ehemaligen Zeche Holland mache in einigen Bereichen immer noch einen „halbfertigen“ Eindruck. Daran hat sich bis heute, 5 Jahre später, nichts geändert. Immer noch stehen weite Teile leer, weil die Ansiedlung von Gewerbe auch hier der städtischen Wirtschaftsförderung nicht gelingt. 2008 war bereits klar, für das Schachtgebäude am Turm gibt es keine Rettung mehr. Umso wichtiger sei aber, erklärte die UWG, dass der Förderturm als Wattenscheider Wahrzeichen und Symbol der Bergbautradition erhalten bleibt (WAZ 21.08.13).

Endlich Ende 2010, nachdem der Turm schon einen bedenklich sanierungsbedürftigen Zustand erreicht hatte, lässt sich die OBin Ottilie Scholz vom extra angereisten Regierungspräsidenten Bollermann pressewirksam Zuwendungsbescheide für die Fördermittel des Landes überreichen. Knapp über 6 Millionen zu Stadterneuerung, davon über eine halbe Millionen für die Zeche Holland. Weitere Mittel werden aus anderen Töpfen zugesagt, insgesamt 1,322 Millionen Euro.

Doch die Stadt verschläft die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen und die gesamten 1,322 Millionen Fordergelder verfallen ungenutzt zum Ende diesen Jahres. Denn nach dem Erhalt des Geldes und der medialen Ausschlachtung ihres angeblichen Erfolges, war für OBin Scholz die Sache offensichtlich erledigt.

Das Drama nimmt entsprechend seinen Lauf. 2011 noch scheint eine Turmsanierung in Sicht. Der Kälteunternehmer und „bekennende Wattenscheider“ Werner Ollbrink will den Turm nach einer Sanierung kaufen. Ehe der Turm von dem eifrigen Unternehmer übernommen wird, soll die städtische Entwicklungsgesellschaft EGR den Turm von der Landesentwicklungsgesellschaft NRW-Urban kaufen und sanieren. Es sei fünf vor Zwölf, wird verkündet. Entweder das Projekt werde noch 2011 auf den Weg gebracht oder der Abriss des Wahrzeichens sei nicht mehr abzuwenden (WAZ vom 13.06.2011).

Also erwirbt die EGR tatsächlich den Turm (WAZ vom 04.04.12). Doch dann scheint in der Stadt die Sanierung schlicht vergessen worden zu sein, dass die Zeit drängt und die Fördergelder zur Sanierung des Förderturms Ende 2013 verfallen.

Erst Anfang 2013 liegt endlich ein Gutachten von Experten der Uni Wuppertal vor, die 3 Jahren nachdem die Sanierung beschlossen wurde bescheinigen, dass die Sanierung des Turms vermutlich doppelt bis dreimal so hoch liege wie noch 2008 geschätzt. Allen Beteiligten, wohl außer den Verantwortlichen der Stadt sollte klar sein, warten wir mit der Sanierung noch 5 Jahre zu, dann werden sich die Sanierungskosten sich mindestens vervierfachen. Warten wir bis 2100, wird der Turm eingestürzt sein, eine Sanierung ist dann nicht mehr nötig.

Da die EGR will den Experten aus Wuppertal nicht glauben wollte, daher soll ein weiteres Gutachten beauftragt werden. Doch ist die städtische Entwicklungsgesellschaft unter Leitung des ehemaligen Stadtdirektors Aschenbrenner (SPD) nicht in der Lage einen Gutachter zu finden, der die gewünschte erneute Begutachtung der Standsicherheit durchführen soll. In einer Region, in der Bergbau und Stahl seit jeher beheimatet sind, ein Ding der Unmöglichkeit. Außer ein Schild vor den Turm zu stellen, dass stolz verkündet „Hier saniert die EGR“, brachte die Stadt nichts zustande (WAZ vom 18.03.13).

Auch Investor Ollbrink wundert sich, warum die Beschaffenheitsprüfung nicht schon früher erfolgte. Die technischen Realitäten, an denen führt kein Weg vorbei führt und die die Grundlage aller bisherigen Planungen waren, hätten weit früher geklärt werden müssen, nicht erst 2013. Aber hier handelt die Stadt Bochum und für die haben Realitäten offenbar keine Relevanz (WAZ vom 20.03.13).

Statt sich weiter um die Sanierung zu bemühen, setzte die EGR jetzt ihre Anstrengungen darauf, den Kauf des Turms von der NRW Urban rückabzuwickeln. Begründung: Beim Kauf sei man über die Höhe der Sanierungskosten getäuscht worden (WAZ vom 19.03.13).

Wirklich mehr passiert nicht. Die EGR schweigt sich bis November über weitere Bemühungen aus, doch noch ein Gutachten in Auftrag zu geben. Bei der Politik mit Ausnahme der UWG gerät die Angelegenheit in Vergessenheit.

Dann der Schock: Plötzlich fällt auf, was alle wissen, aufgrund der Untätigkeit aller Beteiligten sind Ende 2013 alle Fördergelder verloren. Eine Sanierung für 3-4 Mio. ist von der Stadt nicht zu stemmen und dem Turm droht akut der Abriss. Jetzt tritt Serdar Yüksel (Landtagsabgeordneter der SPD) auf den Plan. Nachdem die Genossen in Verwaltung, EGR, Bezirksvertretung und Rat komplett versagt haben, soll er jetzt retten, was noch zu retten ist.

ZuwendungsbescheideYüksel (SPD) straft die OBin ab. In der Stadt sei die Sanierung des Förderturms in den vergangenen 6 Jahren nie ernsthaft und zielgerichtet zu betrieben worden. Ursache für den drohenden Abriss sei „die Untätigkeit der Stadt Bochum, die zu viel Zeit verstreichen ließ und keinerlei ernsthafte Konzeptionen für die Sanierung des Förderturms der ehemaligen Zeche Holland in Wattenscheid hatte“ (WAZ vom 29.10.13). OBin Scholz duckt sich weg. Ihr einziger Beitrag zu dem Desaster bleibt die Entgegennahme der Förderbescheide. Ihr Desinteresse an dem Erhalt des Turms unterstreicht sie durch beharrliches Schweigen zu der unter ihrer Verantwortung entstandenen Blamage.

Mittlerweile hat sich der Investor ausgeklingt und das Interesse an dem Turm verloren. Erfolgreich hat die städtische Wirtschaftsförderung auch diesen Investor vertrieben. Fördermittel weg, Investor weg, so sieht das Ergebnis von Wirtschaftsförderung in Bochum aus. Unfähig, peinlich und blamabel. Die Stadt steht vor einem Scherbenhaufen. 3-4 Millionen für eine Sanierung hat die Pleitestadt nicht. Ohne Fördergelder und Investor wird der Turm unweigerlich abgerissen.

Die Zeche Holland ist ein Paradebeispiel dafür, warum unsere Stadt pleite ist.

Schwer zu verstehen, dass über Jahre Politik und Bürger in Wattenscheid sich kaum gewehrt haben. Nur die UWG schien den Turm immer wieder auf dem Plan zu haben. Manchmal erscheint es sogar so, als sei den Bürgern mittlerweile komplett egal, was ist in ihrer Stadt passiert. Bei vielen herrscht Lethargie und Gleichgültigkeit.

Kaum ein Wattenscheider glaubt offensichtlich mehr, irgendetwas bewegen zu können. Für alles was Wattenscheid weiter in den Abgrund zieht, werden reflexartig die Bochumer verantwortlich gemacht. Richtig, wäre Wattenscheid heute noch selbstständig, wäre das dargestellte Desaster sicher nicht passiert. Aber gerade deshalb müssen die Wattenscheider weiter für mehr Selbständigkeit und einen Neuanfang kämpfen. Stattdessen wird leider von nicht wenigen demonstrativ Politikverdrossenheit und Desinteresse zur Schau getragen.

Doch jetzt endlich tut sich was! Über 4.300 Wattenscheider und Unterstützer schreien förmlich ihren angestauten Unmut über die Unfähigkeit der Stadt bei der Facebook-Initiative (Zeche Holland muss bleiben) laut hinaus: „Hier wird gar nichts abgerissen. Unser Turm bleibt stehen!“

Für Sonntag, den 17.11. plant der Wattenscheider Kalle Wirsch eine Demo zum Erhalt des Förderturms. Wenn die Demo angemeldet ist, wird es einen Aufruf geben, wo genau diese stattfindet.

Hier und jetzt können die Wattenscheider zeigen, dass ihnen ganz und gar nicht egal ist, was mit ihrer Stadt passiert. Ohne persönliches Engagement aber wird sich nicht ändern. Also: Arsch hoch, Zähne auseinander.

Wenn der Turm fällt, ist Wattenscheid am Ende.

Bildnachweis: Tbachner, Wikipedia und Stadt Bochum

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